Presse/Rezensionen

Nordkurier 10.04.2010
GEDICHT-BAND NEUBRANDENBURGERIN KÄMPFT GEGEN KINDESMISSBRAUCH

Für Kiki, Laura, Ronja…
Projekt Nach dem Überfall auf ihre Tochter hat Iris Schwaneberger den Kampf gegen sexuelle Übergriffe aufgenommen – mit einem Buch, das jetzt Premiere hat.

Von Jürgen Tremper

Neubrandenburg. Nachmittags gegen 15.30 Uhr überfällt der 19-jährige Rayk G. in der Neubrandenburger Südstadt kaltblütig und hemmungslos ein achtjähriges Mädchen. Der jugendliche Täter missbraucht in den Büschen hinter einer Bushaltestelle die Grundschülerin und vergewaltigt sie brutal. Er ist der Vergewaltigung, des schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und versuchten Mordes dringend tatverdächtig, steht im Haftbefehl der Polizei. Er ist den Ordnungshütern nicht unbekannt, bis zum 17. Dezember vor sieben Jahren vor allem wegen kleinerer Delikte wie Diebstahl, Hausfriedensbruch oder Rauschgiftvergehen aufgefallen. Er lebt in unmittelbarer Nähe des Tatorts, in einer Wohngemeinschaft des Betreuten Wohnens.

Die Mutter des Mädchens hat bis heute herzzerreißende Erinnerungen an diesen Wintertag. „Die Polizei hatte mich verständigt und gebeten, gleich zu kommen. Auf dem Weg in die Stadt hörte ich auf dem Ring die Signale eines Krankenwagens. Mich befiel Angst und das Gefühl, er fährt mein Kind. Diese Szene habe ich bis heute im Kopf.“ Im Polizeirevier sah Iris Schwaneberger später ihre Tochter in einer blauen Jogginghose sitzen. Mit einem schmutzigen Gesicht, so hat sie es damals empfunden. Sie kam nicht darauf, dass es vom Würgen so blutunterlaufen war. Auch die Augen. Sie wollte ihre Tochter in den Arm nehmen, was sie aber nicht wollte. Sie wehrte ihre Mutter zwar ab, sah sie aber lächelnd an. Den Übergriff hat das Mädchen nach zwei, drei Tagen verdrängt. Aber die Angst, man wolle sie umbringen, blieb. Bis zum Tag der Verhaftung des Täters.

Die Mutter sah ihn zum ersten Mal bei der Gerichtsverhandlung. „Er strahlte eigentlich keine Brutalität aus. Ich habe in meinem Buch geschrieben, was ich empfunden habe: ein UNGEHEUER, unauffälliger junger Mann? Das Ungeheuer habe ich in Großbuchstaben geschrieben und in den Zeilenumbruch gesetzt.“

Im Rückblick auf jenen verhängnisvollen Tag sagt Iris Schwaneberger nicht ohne Stolz, „der Dezembertag hat eine fundamentale Wende in meinem Leben ausgelöst. Ich habe meine Aufmerksamkeit nunmehr auf meine drei Kinder umgelenkt, auf ihre Lebendigkeit und Lebensfreude“. Die Mutter hat bis an die Grenzen des Erträglichen weiter gelitten und ist doch zurückgekommen. Sie brauchte dazu über Jahre ärztliche Beratung nach den tiefen seelischen Erschütterungen. Sie wurde selbst aktiv, um das Schreckliche zu verarbeiten, gewann ihre innere Balance und mentale Stärke zurück. Schritt für Schritt wagte Iris Schwaneberger die Herausgabe eines Gedichtbandes.

„Das Projekt begann eigentlich schon nach dem Erscheinen meines ersten Lyrikbandes ,Nicht ohne Liebe! – immer wieder…’ Zum Schluss meiner Lesungen trug ich immer das Gedicht „Mein Mädchen“ vor, obwohl ich es nicht in das Buch aufgenommen hatte. Ich habe dem Publikum erklärt, dass meine Liebe ganz besonders immer wieder meiner Tochter gilt. Aber ich möchte, dass nie wieder irgendwann, irgendwo einem Kind das angetan wird!“

Im Dezember 2007 häuften sich die Nachrichten über Kindesmissbrauch. Beispielsweise über eine junge Mutter, die ihr Baby vor einer Klappe abgelegt hatte. Die Neubrandenburgerin fragte sich, wie verzweifelt diese junge Mutter wohl war, die ihr Kind vor der Klappe hatte erfrieren lassen. Oder jener Fall, als eine Mutter ihre fünf Söhne aus purer Verzweiflung getötet hat. Immer stellte sich Iris Schwaneberger die Warum-Frage. Ihre Gedichtzeilen „Tun wir was!? Wir sind Engel für jedes Kind“ wurden ihr Leitmotiv für ein aufwändiges Anthologieprojekt via Internetplattform.

Mit dem Projekt „Seelenwunden – Sei ein Engel für ein Kind“ gelang es 145 Autoren aus Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz zusammenzubringen. Sie haben 327 lyrische Texte eingereicht. Zunächst hatte Iris Schwaneberger Probleme. „Zeitweilig hatte ich das Gefühl, mich überfordert zu haben. Ich konnte schlecht schlafen, wollte manchmal sogar aufgeben und abbrechen. Dr. Gundula Engelhard aus Neubrandenburg half mir mit ihren Erfahrungen bei der Auswahl der Texte.“

Iris Schwaneberger hat sich letztendlich für 35 Beiträge von 24 Autoren entschieden. Heute ist sie stolz, dass es so viele waren. Die meisten Autoren sind selbst Opfer oder Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs. Und schließlich kam am 25. März 2009 die entscheidende Nachricht. Die Verlegerin eines Kinderbuchverlages sagte, noch bevor sie überhaupt einen Beitrag gelesen hatte, sofort zu. Ihr Verlag trägt das Risiko.

Wer den Lyrikband aufschlägt, liest, wem er gewidmet ist. Kiki, Laura, Ronja, Jenny, Clara, Sandra, Ute und vielen anderen Opferkindern. Im einfühlsamen Vorwort schreibt Barbara Bräutigam, Professor an der Hochschule Neubrandenburg, „vorliegende Anthologie ist nur am Rande und sehr unmerklich ein ästhetischer Genuss. Beinah jede Seite Lektüre schmerzt, man muss Atem holen und bittet heimlich darum, dass beim Umblättern das nächste Gedicht mehr verhüllt als es preisgibt. Jedes dieser 35 Gedichte …. beschreibt Leid, unermessliches Leid, und zwar an den Menschen, bei denen man Leid am wenigsten ertragen kann: Es geht um Leid von Kindern verursacht durch verschiedene Arten von Gewalt.“

Am Mittwoch wird an der Hochschule Neubrandenburg die Buchpremiere stattfinden. Iris Schwaneberger erwartet viel davon und vom Buchverkauf. „Ich möchte erreichen, dass die Menschen wieder hinschauen, wenn Kindern Gewalt angetan wird, ob auf der Straße, in der Schule oder in der Familie. Ich hoffe, dass diese Anthologie viele Menschen erreichen wird. Die gegenwärtige Diskussion über Kindesmissbrauch unter kirchlichen Dächern braucht dringend eine Ergänzung. Es gibt auch andere Opfer, die nicht vergessen werden dürfen. Vor allem die Kinder, die diesem Wahnsinn noch immer ausgesetzt sind. Das ist für mich wichtig. Nur dann hat meine Projektarbeit ihren Sinn erfüllt.“

Allein 884 Fälle in Mecklenburg-Vorpommern

Statistik Bundesweit werden immer mehr Täter wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Die Brutalität wächst.

Von Jürgen Tremper

Neubrandenburg. Die Tat am 17. Dezember 2003 in Neubrandenburg war ein Extremfall sexuellen Missbrauchs von Kindern, aber bei weitem kein Einzelfall. Das zeigen nicht nur die beinahe täglich neuen Horrormeldungen aus Kirchenkreisen oder DDR-Heimen. Erst am Donnerstag soll ein Mann ein achtjähriges Mädchen in Bad Doberan sexuell missbraucht haben – und ist seitdem trotz Großfahndung auf der Flucht. Der Mann soll das Mädchen auf ein verwildertes Grundstück gelockt und dort missbraucht haben, bis es flüchten konnte.

Ein Blick auf die statistisch erfassten Übergriffe zeigt das tägliche Leid. Zunächst ein Rückblick auf die letzten Jahrzehnte des 20.  Jahrhunderts. Laut Bundeskriminalamt sind im Jahre 1970 exakt 16 468 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern erfasst worden. Zehn Jahre später waren es 13165, 1990 dann 12741 Fälle. 1997 wurden 16 888 Fälle registriert. Im Vergleich der so genannten Häufigkeitszahl, d.h., die Anzahl der Fälle pro 100 000 Einwohner, ist die Fallzahl von 1970 bis 1980 gesunken und seitdem lange Zeit relativ konstant geblieben, nämlich bei etwa 20 Fällen pro 100 000 Einwohnern.

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gibt es neue Trends. Laut Bundesjustizministerium haben sich die Verurteilungen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs nach Paragraph 174 bis 176 im Bundesgebiet seit 2006 erhöht. 2006 wurden 3800 Täter verurteilt, 2008 ergingen Urteile gegen 4289 Täter. Dem Bundestrend entgegen läuft die Entwicklung des Tatgeschehens in Mecklenburg-Vorpommern. Nach Angaben einer Sprecherin des Landeskriminalamts „hat sich die Gesamtanzahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung laut Paragraph 174 bis 184g des Strafgesetzbuches im Jahr 2009 gegenüber dem Vorjahr mit minus 26,2 Prozent erheblich verringert“. Während 2008 noch 1196 Fälle erfasst wurden, waren es 2009 „nur“ noch 883. Der Anteil dieser Straftatengruppe am Gesamtaufkommen der Straftaten beträgt 0,6 Prozent. Speziell bei sexuellem Missbrauch von Kindern unter 14 Jahre sank die Zahl der erfassten Fälle von 306 im Jahr 2006 auf 238 im vergangenen Jahr. Gleichzeitig stieg die Aufklärungsquote von 92,5 (2006) auf 95,0 Prozent (2009).

Trotzdem geben Organisationen wie der Kinderschutzbund keine Entwarnung und weisen auf die hohe Dunkelziffer hin. Fachleute rechnen mit 20 unentdeckten Fällen auf eine Verurteilung. Dr. Georg Romer, Kommissarischer Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, erklärt „im Vergleich zu früheren Jahrzehnten gibt es in der Kriminalstatistik heute weniger Vergewaltigungen und Sexualmorde, hingegen beim sexuellen Kindesmissbrauch gehen die Zahlen deutlich in die Höhe. Unsere Gesellschaft ist nicht sexuell verrohter geworden. Was sich deutlich geändert hat, ist das Melde- und Anzeigeverhalten. Früher war Vieles tabuisiert, heute ist man aufmerksamer, was zur Aufhellung des bisherigen Dunkelfeldes beiträgt, aber mitunter auch Nebenwirkungen hat, bis hin zu hysterisch übersteigerten Fehlanzeigen.“ Und er gibt zu bedenken: „Wir beobachten allgemein bei Gewaltdelikten von Jugendlichen, dass es im Vergleich zu früheren Jahrzehnten heute weniger Täter gibt. Aber die werden immer brutaler. Es spricht manches dafür, dass die Entwicklung bei sexuellen Vergehen parallel verläuft.“

Buchtipp

Die Buchpremiere findet am 14. April 2010 um 18 Uhr in der Hochschule Neubrandenburg, Brodaer Straße 2, im Musikraum im Haus 1 (R.25) statt. Die Herausgeberin bittet um Anmeldung unter iris.schwaneberger@yahoo.de

Das Buch: Iris Schwaneberger (Hrg.). Das Maulwurfherz pocht. Gedichte an der Grenze der Wahrnehmung. Papierfresserchens MTM-Verlag. 64 Seiten. 10,90 Euro. ISBN: 978-3-86196-006-5

© Nordkurier.de am 10.04.2010

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